„Der weibliche Jude“. Männlichkeitskonstruktionen in der Rezeption von Apg 1,18; Mt 27,25 sowie Ps 78,66 – eine Allianz zwischen Antisemitismus und Antifeminismus
Schlagworte:
Anti-Semitism, Intersectionality, Antifeminism, Menstruation, Biblical Reception HistoryAbstract
Der vorliegende Beitrag diskutiert die Verschränkung von Antisemitismus und Antifeminismus aus intersektionaler Perspektive und legt einen besonderen Fokus auf die Konstruktionen von Männlichkeit, die dabei hervorgebracht werden. Die Phänomene Antisemitismus und Antifeminismus weisen in ihrer konzeptionellen Entwicklung im Fin de Siècle zahlreiche Parallelen auf und beeinflussen in hohem Maße die Konstruktion jüdischer Männlichkeit. Insbesondere die Kategorien Religion, Körper und Geschlecht sind dabei zentral: Jüdische Männer und ihre Körper werden feminisiert dargestellt und damit abgewertet. Dass hierbei bereits auf antike und mittelalterliche Bilder der Devianz jüdischer Männer zurückgegriffen werden kann, zeigt exemplarisch das Motiv der angeblichen Menstruation jüdischer Männer: Christliche Autoren entwickeln unter Bezugnahme auf biblische Texte (Apg 1,18; Mt 27,25; Ps 78,66) die Vorstellung, jüdische Männer würden unter regelmäßigen Blutungen leiden. Ab dem 14. Jahrhundert findet diese Vorstellung zudem Eingang in medizinische Schriften und wird – unter dem Einfluss der Viersäftelehre – als natürliche Gegebenheit ausgelegt. Solche Naturalisierungen bieten wiederum den Nährboden für den biologistischen Antisemitismus
des Fin de Siècle, der sich mit dem Antifeminismus verbindet und bis in moderne Diskurse weiterwirkt.

